Schuercueltuer — 21 Ein- und Ausblicke — difficulture-21 Adventskalender 2020

21 Bilder und Texte aus der Wunderkammer Schuercueltuer an der Baumgartenstrasse 2, 5506 Maegenwil. Von tobias strebel fuer alle geschaetzten Interessentinnen und -enten

Diese Bild-Text Serie wurde vom 1. bis 21. Dezember als Adventskalender 21 produziert und hier praesentiert. — Und an den 21 Tagen jeweils ebenfalls publiziert (und je nach dem diskutiert) auf der Facebook -Timeline »strebelinsky tobias marcos». Die Aktion war Auftakt des Adventskalender Fensters 21 der Dorf-Adventsaktion (organisiert durch den Elternverein Maegenwil).


Inzwischen wurde der Online-Adventskalender aber auch bereits zur 21-er-Neujahrs-Karte der Maegenwiler-Schuercueltuer-Schuer wiederverwertet

Alles Gute fuer 2021 — all denen, die das hier sehen !

Diff-21-Adventskalender-Fenster 1/21 — Staudenbock
20201201

Bild: Der Staudenbock, den ich inzwischen aus vom Dachboden unseres alten Hauses in die Scheune gebracht habe,

Soll ich diesen alten Staudenbock, den ich vor ein paar Monaten aus dem Estrich hinuntertrug weiterhin aufbewahren, oder wie Mutter empfiehlt, in die Mulde vor dem Hause werfen? Sie meint, wenn die schon mal da steht — weg mit dem alten Zeug !

Ist aber nicht so meine Art, so ein uraltes, von verlorenen ruralen Zeiten dieser Gegend zeugendes Ding wie dieses alte, inzwischen nutzlose, nur ein bisschen verwurmte, aber allem Anschein nach aus Eichenholz gefertigte Werkzeug . . . — Nicht meine Art, so ein altes Ding einfach wegzukippen. Deshalb frage ich mal . . .

Alle Gelenke und Verbindungen sind gezaepft, ein Bein fehlt , das ich einfach wiederherstellen koennte. Die »Stauderin» sitzt auf dem Sattel und presst so viele Aestchen in die Schlauffe, die sie mit dem Fusspedal festdruecken kann. Es wuerde mich nicht erstaunen, wenn es damals hier sogar noch Mammuts gegeben haette, als dieses Ding gebaut wurde.

Wenn ich muesste, wuerd ich den Studenbock eher noch in kleine Haeppchen schneiden, und damit zwei bis drei Abende lang den Ofen fuettern. Oder wir koennte Alle, unsere gelegentlich schlechten Gedanken mit fokussierter Konzentration auf einen alten rostigen Nagel, — mit dem Nagel ins alte Eichenholz reinhaemmern, bis der zum Suendenbock gewordene Staudenbock ein Igel ist . . .

Diff-21-Adventskalender-Fenster 2/21 Bierdepot Betriebsuhr
20201202

Bild: Die Uhr, die Jahrzehnte lang (mit ihren angeschlossenen Sirenen) in ihrem Umkreis die Arbeitszeiten des Maegenwiler Feldschloesschen-Bierdepots »publik» machte.

Die Uhr surrt seit 15 Jahren nicht mehr. Sie war im Buero des Magenwiler Bierdepots montiert, in dem 115 Jahre lang +/- 30 Maenner gearbeitet hatten (die Personalentwicklung des urgrossvaeterilch-, grossvaeterlich-, vaeterlichen Betriebs ist mir nicht so genau bekannt). Die Maschine steuerte die kleine Elektrosirene, die die Pausenzeiten, Arbeitsbeginn und den Feierabend der Depotarbeiter signalisierte. Die Uhr, die ich letztes Jahr aus den Tiefen unserer Sammlung hob, ist schweres elektromechanisches »Geschuetz». Sie ist ein kleines Kunstwerk mechanischer Programmierung. — Die Sirenen hab ich (noch) nicht gefunden.

Entfernt erinnert sie mich ans Uhrwerk einer Pendeluhr aus der Barock- oder Rokokozeit, die meine gesamte Kindheit in kleine aneinandergereihte Zeiteinheiten von je einer Sekunde zerschnitt. In ihren bronzenen Raedern und Nockenleisten sind die Stunden- und Viertelstundenschlaege inkl. Repetierfunktion eingeschliffen. — Mit der Feile programmiert ! — Ich hab mechanischen Uhrwerke schon vor einiger Zeit als programmatische Vorgaenger unserer ebenso stur und allzumeist widerspruchsfrei funktionierenden Computer erkannt.

Mit dieser etwas juengeren »Werkbetriebsuhr» liessen sich bestimmt auch andere Hupen steuern. Eine Form von sehr verlangsamter Musik muesste sich mit ihr doch irgendwie herstellen lassen.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 3/21 — The Vulnerability of High Animals
20201203

Bild: In unserer Scheune in Maegenwil ist es zur Zeit bitterkalt . . .

Die Verletzlichkeit hoher Tiere. Heute sah ich eine Schlagzeile: »Jeder dritte bangt um Existenz!». — Vieles wird bedrohlich und sichergeglaubter Boden fuehlt sich wacklig an. — Wie durchschiffen wir diese Flaute, oder diesen Sturm ?

Die Ausstellung »The Vulnerability of High Animals» war meine Inszenierung fuer die Foyerraeume einer Tagung ueber Schmerz. Im Sommer 2008 in der Zuercher Theaterschule an der Sihl, setzte sich die Schau aus einer Anzahl grafisch auf Strichmodus reduzierter, und von Hand auf Holztafeln uebertragener »Fotografien» zusammen. Etwa 30 Bilder, ergaenzt mit einigen kuenstlerischen Beitraegen von Freunden. Teile davon sind in der Scheune gelandet und tauchen hier auch noch auf.

»Schmerz-Alarm» koennte als Ueberintensitaet von Sinneseindruck gesehen werden. Kein Gefuehl koennte im ueberintensiven Mass ueberhaupt noch zu ertragen sein. Aber »Der Schmerz der Zerstoerung ist nichts, verglichen mit den Lust an der Aufloesung» — um mit dem tiefsinnigen oder gar »finsteren» Aleister Crowley zu reden. — Oder (was viele Thearpeut_innen sagen): Schmerz ist das »Geraeusch» der Heilungs-, der Regenerationsprozesse. — Aktivitaet der Schmerzen ertragen / sogar betrachten . . . — Optimistische Demut als »job of life»? — Schwierig.

Das Thema verleitet mich im vorstaedtisch-spaetbaeuerlichen Umfeld aber auch zur adventlichen Reflexion: — Diesmal gehts um die Intensitaet des Lebens, als der Winter noch eine »Reise» war, die erst ueberstanden werden musste. Eine, die nur mit gut bepackter Vorratskammer angetreten werden konnte. — Unterwegs lohnte es sich doch noch, zur Wintersonnenwende ein eher auf Waerme, Besinnlichkeit und Zusammenhalt ausgerichtetes Fest zu feiern. Vielleicht um die darbenden Kinder zu motivieren, die kalte Zeit tapfer durchzustehen. Wir danken die Waerme (stellvertretend) dem verehrten »Opferbaeumchen» auf dem Tisch ! ( . . . lange bevor die Weihnachtszeit zu einer Orgie der unstillbaren Begehrlichkeiten wurde. ) — Und alle wussten: Wenn die Vorratskammer fast leer ist, kommt die Phase, in der zur Kroenung auch noch die Haerte des Fastens angesagt ist . . .

Oh my God ! — Zeit und Kaelte fordern Reife

Diff-21-Adventskalender-Fenster 4/21 — Spielbretter, Architekturmodelle
20201204

Im Bild sind zwei fruehe architektonische Entwuerfe meiner Tochter zu sehen ( 2017/18 ): Einer fuer ein Fussballstadion und einer fuer die Umgestaltung der Wohnumgebung mit verschiedenen Ballspielplaetzen.

Was gibt es stimmigeres, als Architekturmodelle fuer Spielanlagen zu bauen? — Die in Architektur gefasste Gesellschaft als Teilnehmer eines Spiels anzuschauen, kommt der schoenen Maxime sehr nahe — von Alvar Aalto, der sagte: »Architektur hat die Aufgabe, Moeglichkeiten zu schaffen». Regeln werden durchs Bauen eh (auch) gesetzt.

Gehoert habe ich dieses Zitat vor etwa 25 Jahren in einem Vortrag von Ernst Neuenschwander, dem Erbauer des Irchelparks, — dieser grandios bescheidenen und wunderbaren, von natuerlich-kultuerlicher »OpenMindfulness» durchstroemten Anlage.

Und hier haben sich schon einige Architekturmodelle, ein Spielbauernhof, verschiedene Puppenstuben (als Real-Life-in-klein-»Spielbretter»), Wohn- und Lebensentwuerfe, aber auch zahlreiche, so phaenomenale wie monumentale Negativ-Form-Package-Design-Architekturen angesammelt.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 5/21 — Klaeger klingt
20201205

Bild: Die elegante Eisensaege »Klaeger»

Die Eisensaege namens »Klaeger» saegte stetig und ausdauernd. Ich erinnere mich an den rhythmischen Groove der Werkstatt, wenn Papa damit Stahlprofile entzweisaegte. Damit baute er Lastwagenverdecke, oder mal einen ganzen Lastwagenanhaenger.

Neben dem gleichmaessigen Rhytmus des Hin- und Hers der Saege veraenderte sich mit jedem Saegestrich auch der Klang des auskragenden Metallendes. Gegenueber dem im Schraubstock festgeklemmten Ende, ist dieses frei schwingend, — an der Stelle haengend, die unter der Saege immer duenner wird. Wie eine Geige streicht und saegt die Saege das Metall, und mit jedem Strich veraendert sich die Resonanz des klingenden Metallinnenraumes. Und der Klang schiebt sich jedesmal einen kleinen Schritt in hoehere Tonlage, bis am Ende das Schaeppern des auf dem Boden aufschlagenden Metallstuecks die Performance abschliesst. Der Motor schaltet sich automatisch ab, wenn das Saegeblatt den letzten Zentimeter hinunterfaellt.

Klaeger singt und schwingt, Klaeger klagt und schreit. — Manchmal kommen mir die Klaenge des Metalls wie Klagelaute vor — die jaehe Trennung einer gewesenen Einiheit bejammernd. Klaeger klingt. — Nein, ich glaube nicht, dass das Eisen Gefuehle hat, aber ich kann mir mit dem Einfuehlen ein kleines Drama ausdenken, das mich grad erfreut . . .

Jedenfalls wuerde ich gern die Sound-Aktion, fuer ein kleines Publikums re-enacten. — Dafuer haetten wir sogar noch ne zweite Saege. — Wenn wir diese auch noch in Gang setzen, laden wir zum Eisensaegen-Duett . . .

Diff-21-Adventskalender-Fenster 6/21 — Pneuwagen
20201206

Stereobild: bitte uebers Kreuz schielen ! — Hier ist der Wagen in aktueller Funktion als hohe Buehne mit einem Schlagzeug und einem Xylophon beladen. Sie vertreten die fehlenden Musiker, die am vergangenen »Tag der Offenen Schuer» Ende Oktober ihr Konzert wegen der zweiten Coronawelle (noch) nicht spielen durften.


Der Wagen, der frueher mit Bier beladen, von Pferden durch die Gegend gezogen wurde, steht seit langem im oberen Stock unserer Scheune. Wie er da hochgekommen ist, ist nicht so klar. Und mir auch noch nicht klar: Wurde er von zwei oder sogar von vier Pferden gezogen?

Die Ankunft der Bierfuhrleute war eine Show in den belebten Strassen der Doerfer. Selbst eine, um ihren dem Alkohol verfallenen Mann besorgte Mama, haette beim Anblick des Pferdewagens mit Kisten und Faesschen immerhin noch eine Portion Sympathie aufbringen koennen fuer die aesthetische Inszenierung des weit hergebrachten Biers. Die schoenen wohlklingenden Pferde-Schellenbaender waren wohl fuer die Tage reserviert, an denen wenigstens ein Bischof oder ein hochrangiger Politiker oder Geschaeftsherr zu Besuch war. — Auf den Feldschloesschen-Werbeplakaten oder eben an diesen hohen Feiertagen ritt sogar manchmal das maerchenhafte Schlossfraeulein mit, zuoberst auf den Bierfaessern. Im Alltag musste sich aber jeder die laszive Bierfee selber herbeiphantasieren.

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Das zentralisiert hergestellte, stattlich beguenstigt und kartelltechnisch streng kontrollierte Gebraeu stellte in der ersten Haelfte des letzten Jahrundert die (steuertechnisch schwerer in den Griff zu bekommende) Schwarzbrennerei und die verbreitete private Herstellung von saurem Most in den Schatten. Es wurde in Eisenbahn-Tankwagen von Rheinfelden nach Maegenwil gebracht und bei uns in Flaschen gefuellt. An die letzten Tage der Abfuellerei anfangs der siebziger Jahre erinnere ich mich mit ein bisschen Wehmut. Der mannigfaltig kolorierte Avantgarde-Industrial-Techno, den dieser Drachen von einer Maschine machte, erfreute mich immer sehr.
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Bevor die ersten LKWs angeschafft wurden, waren die Fuhrleute taeglich mit Ross und Wagen und ihrem Frischprodukt unterwegs zu den durstigen oder suechtigen Kehlen bis ins obere Freiamt. — Die Kinder: Wenn sie Glueck hatten, gab es fuer sie an heissen Junitagen einen kleinen Brocken Eis vom Wagen. So rannten sie eine kleine Strecke mit, und gaben ihren Begehrlichkeiten rufend Ausdruck. — (( So stell ich mir das romantischerweise wenigstens gerade vor. ))

Oder: Der Wagen war gegen Ende des Winters unterwegs zum Aegerisee, wo die Leute Eis holten, das sie dann im Felsenkeller im oberen Wald bis im Juni lagerten. — Als die ersten Kuehlkompressoren auftauchten, wurde der Felsenkeller obsolet und die Aegerianer Eisbrecher arbeitslos.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 7/21 — Simulacrum Christinae
20201207

Zehn Jahre ihrer Jugend verbrachte sie in London, davor sieben Kinderjahre in Graz. — Die beiden Schul-Bild-Tafeln zu ihrer Linken fanden aus dem Zuercher Unterland hierher.

Good old Christina (1958-2000), Lehrerin, Literatur- und Horrorfilm-Expertin, Poetin, Performerin. Einige werden sich an sie erinnern.— Viel zu frueh und ueberraschend verschwunden.

Sie schaut mit frisch lachenden Blick zwischen den weissen und schwarzen Formen ihres Simulacrums hervor. Die Tafel war 2008 Teil der Ausstellung »The Vulnerability of High Animals».

Die stempelartigen Flaechen rufen in »mir» einen einzigartigen und (wie alle) unverwechselbaren Menschen wach. Sie locken ein ganzes Arsenal an Erinnerungen aus den Innereien meines Koerpers. — Zeitenweise, als wir uns kannten, war es schwer, ueberhaupt sich selber noch vom Anderen unterscheiden zu koennen. Sie war gnadenlos herausfordernd, witzig, schraeg, schrecklich-witzig, ueber-fordernd, trotz aller Irritation ein Juwel von einem Menschen. Eine »schrecklich-inspirierende» Person, die mit ihrem scharfen Blick und ihrer offenen Art manche vor den Kopf stiess, und dafuer oft krasse Gegenreaktionen einstecken musste.

Ihr Tod vor bald 21 Jahren war ein Schock, und ein harter Riss, der mir mitten durch die Eingeweide ging. Auf die zufaellige Entdeckung ihrer Todesanzeige in der Zeitung bestaetigte mir ein mit roten Rosen ueberhaeuftes Grab am Fuss des Uetlibergs, dass die dramatische Erschuetterung Tatsache ist. — »With Sorrow and Love». Ihr Eindruck hallt nach. Ihre Echos ereilen mich ueberraschend, und ich weiss dann jeweils nicht, wieviel davon aus dem Aussen und wieviel aus meinem »Innen» kam. Moeglicherweise hat sie sich meiner bemaechtigt. Und das waer mir auch recht.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 8/21 — Garbenbaendel
20201208

Bild: Drei Garbenbaendel vom Wagenrain

Der Wagenrain ist die Gletscherkiesmoraene, die das Buenztal vom Reusstal trennt. Sie erstreckt sich von der Umgebung von Muri via »Erdmannlistein» zwischen Wohlen und Bremgarten, bis zum Maiengruen und schliesslich hinunter bis Maegenwil. Die Buenz wird etwas weiter westlich »gestoppt» bzw. zur Aare hin umgelenkt; — durch den querliegenden Chestenberg, ein Laegern-aehnlicher Jura-Kalksteingrat zwischen Wildegg und Brunegg. Der kiesige »Wagenrain» versinkt und versandet hier ins flache, durch die Reuss aufgeschwemmte Birrfeld hinein, — eine seiner letzten »Wellen» waere z.B. die Sandfoore.

Die drei alten Garbenbaendel, schoen gekordelt mit je einem kleinen Holzknopf am Ende, sind ein Geschenk von Frau Widmer, das sie am Tag der offenen Schuer von den Hoehen des Wagenrains zu uns hinunterbrachte.

Ich war so beglueckt von der Gabe, — als waeren es Aschenputtels Zaubernuesse.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 9/21 — Holzscheit
20201209

Bild: Verdoppeltes Holzscheit

Manchmal sind Holzscheiter / Holzsctuecke so schoen, dass ich bei ihrem Anblick in aesthetischem Staunen versinke — und sie dann schweren Herzens vielleicht doch verbrenne oder dass ich sie ueberhaupt nicht mehr verbrennen kann. — Ein ganz besonderer Ausnahmefall ist dieses schoene Scheit, das so unglaublich schoen ist, dass wir von ihm sogar eine 3d-Kopie herstellten . . .

Diff-21-Adventskalender-Fenster 10/21 — Scheunenfunde
20201210

Bild: Scheunenfunde

Die drei »Scheunenfunde». — Je ein entschleunigtes Volvo-, Morris-, VW-Denkmal aus den sechziger und siebziger Jahren. Sie verharren geduldig unter dem Staub der Jahrzehnte. Schon lange keine Runde mehr gedreht. — Vielleicht hoert Auto auf, Auto zu sein, wenn es sich nicht mehr selber bewegt. — Dann waeren es nun sowohl Ruinen, als auch potenziell wiederauferstehfaehige Fahrzeuge.

Wo sie doch so schoene Gesichter haben, damals noch nette »Kunst-Tiere» sein durften.

Wie fuehlt sich eine Ruine? Aus Sicht des Autos waere sicherlich — in Fahrtrichtung — die Zeit stillgestanden. Bis das entschleunigte »Wesen» merkt, dass der sich sehr sehr langsam ueber sein Blech und seine Scheiben legende Scheunenstaub, oder der noch viel langsamer, fortschreitend nagende Rost ebenfalls in einer zeitlichen Dynamik fortschreitet, die sogar auch in Kilomentern pro Stunde ausgedrueckt werden koennte.

Schoen waers schon, die drei wieder zu wecken, aber wohin sollen wir damit fahren? — Eigentlich nicht noetig! — Und, aber den klenien Morris Mini vielleicht lieber als modernistische Kutsche, die von zwei Roessern gezogen wird, — oder als Kabine eines Karussels.

Am »Tag der offenen Schuer» dienten sie als Kulisse fuer ein paar Bilder der doppelkoepfigen Zuerich-Kolumbianisch-Guatemaltekischen Musik-Performance-Combo mit dem Namen »Harrison Straship». Anna am Steuer, von David ist (sorry) praktisch nur die Hand zu sehen.

Und hinten durchs Loch ein Ausblick auf das Bild des alten Depots. — Und das originalbeladene und fahrtauglichere Fuhrwerk nicht zu vergessen . . . (wenn’s schon da ist: die Flaschen in den Holzkisten wuerden huebsch klimpern beim Fahren).

Diff-21-Adventskalender-Fenster 11/21 — Kubaki im Nebel
20201211

Bild: »Wenn Kubaki kommt», von H.-U. Steger, bei Diogenes erschienen, und hier »verschwunden» im Maegenwiler Nebel

»Wenn Kubaki kommt», heisst das Kinderbuch, in dem ein kleiner Junge in einer Scheune, die mit altem vergessenem Kram vollgestellt ist, auf seine Weltreise geht. Die Reise beginnt mit dem Einnicken der Grossmutter . . . ( eine selten-symbiotische und vor allem sehr lustige Kooperation zwischen Handeln und Traeumen beginnt ! )

Das Bild das ich vom Buch gemacht habe, ist ein bisschen vernebelt. Die Linse meiner Kamera hat sich in der Kaelte beschlagen und mir fehlte die Geduld zu warten. Die Kamera hat praktisch beim Einschlafen fotografiert. — Hier liegen wir aber tatsaechlich recht oft im Nebel. Nicht ganz so oft wie die Nachbardoerfer, die noch ein paar Meter tiefer im Tal liegen — Mellingen zum Beispiel, — kein Dorf sondern die unterste Stadt an der schoenen alten und hin- und mitreissenden Reuss.

Manchmal: Die hochfliessenden Schwaden des Nebels, der sich ueber Nacht aus dem Wasser der Reuss in die Luefte ausweitet, kommen bei uns ueber die Huegel wie wandelnde Geister. Selbst wenn auch seine Kaelte mir in die Gelenke und Knochen beisst, bleibt er sogar immernoch ein bisschen schoen, weil er uns Menschengeistern, die hier leben, allen gleichzeitig aufs Gemuet schlaegt. — So koennten wir eigentlich zusammen Nebeljammern. — Nebelklagegesaenge sind mir allerdings noch nie begegnet.

Kubaki in seiner Scheune ist aber nicht in unseren melancholischen Nebel gereist, sondern in klarere Gebiete. Zum Beispiel nach Rutschistan, wo alle dermassen von der Moeglichkeit, irgendwo hinunterzurutschen begeistert sind, dass sie ein Leben lang auf ihren langen und schoenen Rutschbahnen herumrutschen. — Eine der florierenden Industrien ist in Rutschistan das Hosenboedenstopfen, wifeln (wie sagt mer richtig?) und das »Hosenfuedli-mit-Blaetzen-Zunaehen».

Diff-21-Adventskalender-Fenster 12/21 — Pre-Plastic-Age
20201212

Bild: Hier auf dem Stallboden stehen als Zeugen aus der alten beschwerlicheren Zeit vor dem Plastic-Age, zwei zierlich geflochtene Korbbehaelter und eine aufwendig aus Blech gespenglerte Kanne, bei der sogar der Ausguss zugeschraubt werden kann.

In der Steinzeit waere eine (einzige) gebrauchte Pet-Flasche (mit Deckel) wohl ein Vermoegen wert gewesen.

Zum Vorschein kommen hier verschiedene Dinge aus der nicht allzuweit zurueckliegeneden, aber klar vergangenen »archaeologischen» Epoche, die ich »Pre-Plastic-Age» nenne.

Das bruechige Bakelit, Gummi-Arabicum oder Birkenpech waren die juengeren oder aelteren Vorboten der Polymer-Plaste. — Bei uns wurden ca.1980 die Buegelverschluesse der Bierflaschen durch Plastic-Clip-Verschluesse ersetzt. Die Holzkisten wurden verbrannt oder zu Kinderzimmergestellen umfunktioniert. Die neuen blauem Plastikkisten waren zur Freude der Biertraeger ein schoenes Stueck leichter. Etwas spaeter brach dann auch noch das Retourglas-Refill-Flaschen-System weitgehend zusammen, und die Strassen und Paerke fuellten sich mit Pet-Muell.

Die robusten Zinkblech-Eimer sind den farbigen Plastic-Kuebeln gewichen, und ueberall gibt es farbige, grafisch bedruckte Plastikbeutel zum Wegwerfen oder Drachenbauen. Mit jedem Paeckchen kommen bei mir tiefgezogene oder aufgeschaeumte Verpackungsstuecke an, die meine Muellsaecke mit groesstmoeglichem Volumen-Gewichts-Faktor optimal fuellen.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 13/21 — Jesus Zimmermannslehrling
20201213

Bild: Die heilige Familie auf einem Bild, das aus dem Zueribiet zugelaufen ist.

Wenn wir schon so weihnaechtliche Pfade betreten, darf hier doch der gute alte Jesus nicht fehlen. Als ich hier Kind war, war er noch ein sehr vielgepriesener und sehr beachteter Held, dessen Geschichten durch eine damals noch recht maechtige Institution vermittelt wurden. Der Landstrich war flaechendeckend christlich, ein bisschen reformiert durchsetzt, uneheliche Kinder waren noch »eine Schande» (zur Jugendzeit meiner Eltern), Selbstmoerder wurden neben dem Friedhof verscharrt und solche Dinge sind praktisch knirschend »in seinem Namen» passiert . . .

Der Pfarrer war der noch einzige meiner »Erzieher», der an mir eine (nicht sehr gravierende) physische Taetlichkeit veruebte, fuer die einer heutzutage zurechtgewiesen wuerde. Zehn bis zwanzig Jahre frueher waren drakonischere paedagogische Massnahmen sowohl in vielen Familien als auch in der Schule noch gang und gaebe. Aber es war schon so, dass mer sich eher einig war, dass sich nach den Verirrungen dessen, was ich salopp als »das Hitlerdrama» bezeichne, in der Gesellschfaftsorganisation etwas Grundlegendes aendern muss. Nach diesem Scheitern der Maennerbuende bekam die Meinung der Frauen in Narrations- und Organisationsfragen mehr Gewicht.

Damals konnten sich noch welche daran erinnern, dass es nur ein einziges Buch im Haus gab. Und als ich geboren wurde, sassen gerade die Kardinaele der katholischen Kirche zum Konzil versammelt in Rom und beschlossen, ihre schwarze Liste verbotener Buecher (auf die es zwar Sartre/deBeauvoir aber nicht etwa Hitler geschafft haben), den sogenannten »Index» aufzugeben. Sie haben praktisch die »mediale Fatwa» gegen ketzerische oder sonst allzufreie Geister, die in irgend ein ideologisches Gaertchen haetten treten koennen, oder getreten sind, fallengelassen. — Die mediale Vormachtstellung der Kirche auch nach Einfuehrung von Radio und TV noch laenger aufrechterhalten zu wollen, waere naiv-ignorant und folglich allzu blamabel gewesen fuer die stolze aber starre Institution.

Vor 50 Jahren war aber der mystifiszierte tragische und trotz allem irgendwie siegreiche Held auch noch nicht derart durch die neueren Dramen relativiert, welche um spaetere Maertyrer, »Erloeserfiguren» oder Fallen Angels der Medien-, Kunst- und der Welt der Spiele entstanden. Zum Beispiel JFK, Martin Luther King, Jean Seberg, John Lennon, Curt Cobain, Joseph Beuys, Lady Di, Maradona, George Floyd oder Sarah Hegazi, um nur einige zu nennen. — Inzwischen weiss und akzeptiert jede und jeder, dass es auch andere Moeglichkeiten gibt, in Gemeinschaften den guten Glauben und die gute Hoffnung zu beschwoeren, auch ohne den alten zu Recht hochgehaltenen Werten von Altruismus, Demut, Solidaritaet oder Respekt untreu werden zu muessen. Und das finde ich schoen.

Hier steht der junge Held quasi als Zimmermannslehrling mitten Im Bild. Sein Vater Joset soll bekanntlich Zimmermann gewesen sein. Die, die die Daecher bauen sind eigentlich die Magier, die Helden der Baukunst. Die raffiniertesten »High-Tech-Handwerker» — wie jetzt vielleicht die PR-Spezialist_innen, Programmierer- oder Regisseur_innen aus »New Rome» California. — Kardinalskuenstler!. — Maechtig, weil sie etwas wichtiges machen: das Dach und auch die Stockwerke. Sie planen und konstruieren die »Hierarchien» der Haeuser, und von ihnen stammen am Ende sogar die Archikekten ab.

Die Carpenters gehen auf die Wanderschaft, um Erfahrung und Wissen zu sammeln und sie koennen schon seit langem Berechnungen mit Sinus und Cosinus anstellen, wenn sie die Laenge der unterschiedlich schraegen Balken berechnen muessen. Die »gebrandmarkten» Schlitzohren unter ihnen bekommen nur noch eingeschraenkte Chancen. Auch Bootsbauer waren zunaechst spezialisierte Zimmerleute, und wenn die stolzesten Zimmereien hier ein Kirchendach bauen durften, wurden sie damit ja ebenfalls zu »Schiffsbauern».

Oder ihre grandiosen eichernen Holzbrueckenkonstruktionen, von denen wir noch einige haben: DIE Ingenieurkunstwerke des Spaetmittelalters. — Aber bei aller Verherrlichung der Zimmerleute: Klein Jesus hier auf dem Bild, welches aus dem Zueribiet stammt, haelt den Hammer und den Stechbeutel eher etwas ungelenk, so als wisse er nicht so recht mit ihnen unzugehen. Auch ist kein Werkstueck in Sicht, das er gerade in Arbeit haette. Vielleicht posiert er eben doch nur, um den Handwerkern und Zimmerleuten ein bisschen zu schmeicheln. Sie anzustrahlen.

Josef zeigt seinem Jungen bedeutungsvoll den rechten Winkel. Die Zimmerleute glauben erst, dass stabil ist, was sie bauen, wenn sie auch wirklich wissen, dass ihre Konstruktion aus guten Gruenden die anfallenden Kraefte aufhalten wird. Und sie wissen natuerlich auch von Anfang an, dass Texte und Narrative genauso konstruierte »Gebaeude» sind, wie ihre Haeuser, Daecher und Bruecken.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 14/21 — Kleine Buben im Internat
20201214

Bild: Zwei kleine »heilige Buben» hinter den Gittern der Kinderheimbetten

Gleich nochmal: Zwei gerahmte Seriendruckbilder mit »Gesu Bambino» und »Giovannino Battista» zu Kindsbeinen, die ich in Zuerich aufgelesen habe. Die beiden Jungs sollen viel zusammen am Bach ausserhalb des Dorfes gespielt haben, bevor sie der Ehrgeiz packte. Weit ueber tausend Jahre soll das alles schon her sein, und von sehr weit her haben sie auf uns gewirkt. Jetzt sind ihre Bilder hier an die Wand gelehnt. Hinter Gittern — hinter diesem metallenen Federbett, das aus einem Kinderheim stammen koennte.

Mein Vater erzaehlte, als Jungs haette er und seine Mitschueler anfangs der fuenfziger im Zuger Internat ueber die Metallgestelle ebensolcher Betten die Radiowellen fuer ihre selbstgebauten Radioempfaenger eingefangen. Das war streng illegal, wie selbstverstaendlich alle nicht ueber den katholischen Dienstweg kanalisierten Kontakte zum Aether medialer Trasnzendenz. Deshalb erklangen in den archaischen Radios die Stimmen aus den entfernten Studios erst nach Lichterloeschen. — Die Signale und Stimmen waren ja nur recht leise in den Ohrhoerern der horchenden Jungs zu vernehmen. — Hoffentlich lohnte es sich fuer die neugieren Kids zuzuhoeren und hoffentlich spielten die Sender zwischendurch auch schon amerikanische Musik.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 15/21 — Kindersitz und Marslandefaehre
20201215

Bild: Zwei Kindersitze

Zwei Geraete mit aehnlichem Zweck aus verschiedenen Zeiten. Links der Kindersitz aus Holz mit Kloklappe, die dem Kleinkind erlaubt, waehrend dem Sitzen jederzeit frei etwas in den einschiebbaren Hafen plumpsen zu lassen — einfach so als Funktion, die optional zugeschaltet werden kann, oder auch nicht. Mit dem hoelzernen Dolendeckel kann der kleine Schacht auch unauffaellig ausser Funktion gesetzt werden, sobald emfindlicher Besuch kommt, oder sobald diese Sitte aus der Mode geraten wuerde. Der Hochsitz kann auch umgeklappt werden, so dass das Kind tiefer sitzt und ein grosszuegiges Tischchen vor sich hat.

Auf der rechten Seite die neuere futuristische FisherPrice (Plastic-Age-) Version 2000 mit Marsflugz-Zusatzfunktion, Joy-Stick und integriertem Brei-Auffangbecken sowie einigen huebschen Spielzeugen, die sich zum Beispiel auch daduch ausszeichnen, dass sie nicht auf den Boden geworfen werden koennen. — Zusammengeklappt ist der Sitz kaum kleiner als aufgeklappt, passt aber problemlos in jedes leere Sport Utiliy Vehicle.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 16/21 — Brandings
20201216

Bild: Zwei alte Brandstempel des Bierdepot-Betriebs

Damit das Zeug nicht zu wild herumfliegt, ist mer ja schon vor langer Zeit drauf gekommen, Dinge zu »branden». Zwei Brandstempel der verflossenen Ed.Strebel AG, Bierdepot Maegenwil: Den einen »Strebel Bierdepot» musste mer im Feuer erhitzen, der andere »ST.M.» hat ein elektrisches Heizaggregat eingebaut, — sozusagen ein Buegeleisen mit dem gestempelt statt gebuegelt wird.

Damit wurden Ackergerate, Werkzeugkisten und WhatEver ge»brandet» und gekennzeichnet. Ich glaube aber nicht, dass Pferde oder die kastrierten Arbeits-Stiere, »Ochsen» genannt, die im »Pre-Petroleum-Age» jeweils nicht gleich nach Aufzucht geschlachtet wurden, sondern wenigstens ein Leben als muntere Arbeitstiere fuehren durften, mit diesem Geraet traktiert wurden.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 17/21 — Stanzform-Daemon
20201217

Bild: Die Stanzformen der ZHdK-Studienangebots-Schachtel

 

Der etwas eingeschuechterte Daemon ist ein Relikt aus meiner Zeit als Grafiker an der Zuercher Kunsthochschule. Mit Bildhaftigkeiten in Institutionen in der Zwinglistadt zu experimentieren ist kein einfaches Unternehmen. Ich denke schon, dass die Kunsthochschule in Bezug auf Bildhaftigkeiten ja eine der grossen Kompetenz-Institutionen-Intuitionen unseres Landes ist. — Bilder, ob authentisch oder auch inszeniert, schau-gezeigt, (also kultiviert-»gelogen»), die ganzen Theorien und Praxen analysiert, reflektiert und vermittelt. — Und Bilderpolitik ist ein explosives Feld in dem Vorsicht geboten ist, ein Spiel mit den Daemonen der nicht immer kontrollierbaren Signifikanzen. — Zauberlehrling laesst gruessen . . .

Das, was hier alle als Gesicht erkennen, obwohl es kein »Gesicht» hat, ist Teil eines Spezialwerkzeug-Satzes, dessen weitere »Koerperteile» hier an die Wand angelehnt sind. Eine Stanzform, die bei der Herstellung des ebenfalls gezeigten Kartons gebraucht wurde. Dieser kann zu einer Schachtel, bzw. zu einem Schuber gefaltet werden, den wir fuer die Buendelung der gedruckten Studienangebotsbroschueren der ZHdK vor knapp 10 Jahren brauchten.

Nachdem die letzte Auflage hergestellt war, hat mir das Wellkarton-Stankzwerk diese seltsamen »Formen»* gesendet, die ich Jahre zuvor schon bestaunt habe. Mit der geheimnisvollen Form wird der bedruckte Karton (je nach Schaerfe, Form und Hoehe der »Klingen») gestanzt, gerillt und perforiert, und am Ende auch noch von den Abschnitten getrennt. Als die monstroese Maschine damit das erste mal lief, hab ich das Schauspiel der Produktion gefilmt.

* Sie waren damals etwas vom ersten, was ich gesehen hab, das durch einen Laser-Brenn-Plotter hergestellt wurde. Mein 2010 verstorbener Vater haette seine Freude an den ganzen Laser- und 3d-Plot-Technologien gehabt — leider erlebte er aber nur gerade noch das Ende des »Pre-3D-Plot-Age».

Diff-21-Adventskalender-Fenster 18/21 — »Swissness» Rote Fabrik 2004
20201218

Bild: Mir wurde ein leicht suizidales Nationalitaetsverhaeltnis diagnostiziert.

Eine Sammlungsabteilung meines geliebten Truemmerfeldes des »Museums der Kindheit» oder des »Friedhofs der Zeichen» ist eine eher wilde (teilweise systematisierte, eher zu ordnende oder gar zu praesentierende) Sammlung von Grafik, die mir in meinen 30 Zuercher-Jahren entweder zugeflogen oder auf dem eigenen Tisch entstanden ist. Die grafischen Stuecke sind urbanes Gegenstueck zu dem ganzen alten Holzzeugs, zu dem Bauern- und Haushaltsgeraet, zu den Dingen aus dem »Pre-Plastic-Age», die hier versammelt ist. Ein Exempel sind diese beiden Fundstuecke: Printed Matter aus Z. Zwei Druckprodukte aus der Roten Fabrik, 2004.

Ich durfte mich (grosseer narzisstischer Erfolg !)als »Covergirl» fuer die Zeitung der Roten Fabrik einsetzen. In der Ausgabe ging es um Swissness und ich hatte kurz zuvor fuer den Jahresbericht der Fabrik eine Carte Blanche gestaltet, bei der ich mich in einem Bildessay gefragt haben, ob das »Logo» der Schweiz noch weiter tauglich sei. — Dies passierte anlaesslich der Geschichte, dass ein kanadischer Stardesigner beim Corporate-Design der Swiss-Flugzeuge mit einem etwas schlankeren Schweizerkreuz auf der Heckflosse einen mittleren Aufstand in Zuercher SVP-Kreisen provozierte, — und seinen Entwurf aendern musste.

Zwar vermute ich, dass eine symbolische Verschlankung des eher etwas zu fetten Kreuzes die Flugtauglichkeit und vor allem die Ausdauer der Airline durchaus haette positiv beeinflussen koennen. Aber hinterher ist mer (man) immer gescheiter. Und dass mer sich an die Kreuze gewoehnt, die mer zu tragen hat, ist ja durchaus auch verstaendlich.

Eine Palette freier ReDesign-Heraldik-Vorschlaege resultierte und wurde im Jahresbericht und in der Zeitung der Fabrik publiziert. In den Jahren darauf tauchten zu meiner Freude einige davon wieder in meinem Blickfeld auf, — durch andere aufgegriffen und wiederverwendet, oder auch unabhaengig wiedererfunden, und durch irgendwelche Medien vor meine Augen gebracht.

Mit dem symbolisch suizidal uminterpretierten Tellenschuss hatte ich mir bereits zehn Jahre davor den allerletzten Rest meines nie zu sehr aufgebauschten Nationalgefuehls weggeblasen. Und was dazu sehr gut passt: weil fuer mich sehr praegend und weil ich‘s gerade gestern auf SRF2 in einer Neubearbeitung wiedergehoert habe: Max Frisch‘s schoene, kritische und damals sehr weitherum wahrgenommene Rede zur »Schweiz als Heimat» (1974).

Vielleicht haben ihn wegen seinem sehr kritischen Blick schon damals einige als Nestbeschmutzer gesehen, doch die Kritik allein haette hoechstens die Kraft gehabt, dass der Schmutz, der bereits im Nest lag, sichtbar und ( potentiell ) entfernbar wurde. So bleibt lustigerweise fuer mich Max Frisch einer der staerksten Heimatgefuehl-Swissness-Identifikationsfaktoren. Der Teufel moege uns bewahren vor Merchandising-Produkten mit Edelweiss, Schweizerkreuz und MaxFrisch-Signatur . . .
;- )

Max Frischs Rede zur Heimat 1974 (in Baldenwegs Neuinszenierung)

Diff-21-Adventskalender-Fenster 19/21 — Bauchkiosk
20201219

Bild: Extra Medium — XXM — Geister & Medien

Vor ein paar Jahren hab ich aus einer alten, auf dem Flohmarkt erstandenen Munitionskiste diesen Bauchkiosk gebaut, als Performance-Ausstattung, um meine mit dem Kopierapparat in kleiner Auflage gedruckten kulturpublizistischen Produkte auf’s »Boulevard» zu bringen. Die Performance steht noch aus, oder findet gerad jetzt hier statt — im virtuell-virenfreien Raum dieses Blogs.

»Mettere in Piazza» waere ein Begriff fuer’s Publizieren, der aus den italienischen Stadtkulturen stammt. Die Wendung meint dort durchaus auch das verbale »ins-Gespraech-Bringen» eines Themas oder einer Frage.

Dass gesellschaftliche Kommunikation im Fluss sich bewegender und redender Menschen »in» Plaetzen stattfindet, in staedtisch-offenen »Zimmern», die durch Strassen als Gaenge und Korridore miteinander verbunden sind, ist eine Art, die Stadt (oder auch das Dorf oder den Weiler, die Wagenburg) als Grosswohnung und als Kommunikationsraum zu verstehen . . . Zwischen Kopfsteinpflaster, Hufgeklapper und warmer Stube.

Am besten kann ich mir das vorstellen, wenn ich mittelalterliche Staedte erlebe, die dicht von Menschen belebt sind. — Fuer mich ein angenehmes Modellbild fuer Kommunikation im Allgemeinen, das ich mir fuer unsere Neigung zu all dem vielfaeltigen medialen Exchange vorstellen kann, der auch ueber digitale Portale oder in Chatraeumen stattfinden kann. — Exchange und Sensual Attraction, von denen der nimmermuede Geist nie genug bekommt . . .

Wie zu Beginn des Zeitalters des Auflagendrucks, — seit Handzettel, Bildchen oder kleine Flugblaetter verteilt werden, in Staedten sogar die ersten Tageszeitungen entstehen konnten, wuerd ich also mit meinem Bauchkiosk meine vielleicht »an den Haaren herbeigezogenen» Ansichten und Erklaerungs- oder Befragungsversuche in die Runde bringen » XXtraMedium —Geister und Medien — Heute Neu & noch lange aktuell ».

Inhaltlich geht’s in den bisherigen Ausgaben des XXM-»ExtremMittel»-Medium grob umrissen um alles, was bezueglich Wahrnehmung und persoenlichem Ausdruck irgendwie interessant sein koennte. Die Texte sind vetrackte Brocken, teils systematischer, teils assoziativer (absichtlich »verwirrter» oder lieber »sprunghafter») Erzaehlstraengen. — Vielleicht sind es auch poetische Pioniergaenge auf die Gipfel narzisstischer Selbst- und Selbstvergessenheitsreflexion.

Hier in diesen 21 Bildern versuch ich, die schweifenden Gedanken immer mit konkretem und irdischem Material zu verknuepfen. Ganz so wie der abgruendige Geist, bzw. das in mir drin, was (selbstverstaendlich) nie greibar sein kann, so lange es lebt . . . — so wie sich dieses fluechtig-Ereignishafte im Koerper mit der Welt der Materie verbunden hat, oder sich damit ein »Bachbett» gebaut hat, durch das es »als Energie» wie das Wasser eines Flusses »hindurchstoemen» kann.

Anima(l) — Belebte Materie mit der Tendenz, wie das Licht durch die Luft zu fliegen — was die Voegel meisterhaft in Szene setzen — ohne die geringste Tendenz, etwas von ihrem Flug aufschreiben zu wollen — nein, das ist der Job der Vogelart Mensch . . .

Geister durch Medien. Die naechste gedruckte Ausgabe von XXM wird die Papierversion dieser Kalenderserie sein: »21 Ein- und Ausblicke — Eine Tour d‘horizont durch die Wunderkammer Schuercueltuer, Maegenwil». — Von den alten XXM-Ausgaben gibt’s noch vereinzelte Kopien.

Diff-21-Adventskalender-Fenster 20/21 — Heugabeln
20201220

Bild: Zwei »Pre-Carbon-Fiber»-Heugabeln (obwohl Holz eigentlich seit je her Carbon-Fiber ist)

Diese beiden Heugalbeln entspraechen dem Prinzip »Dymaxion», wenn mer den Ingenieur-Architekten Richard Buckminster Fuller danach fragen wuerde*. Superleichte Holzkonstruktion, wunderschoen gearbeitet — geschnitzt, gebogen, gezaepft. — Wenn mer sie nur fuer das leichte Heu gebraucht, nicht als Erdhacken oder als Gehkruecken missbraucht, bleiben sie lange funktionstuechtig. Diese haben ueberlebt, Heu haben sie aber schon lange nicht mehr gesehen . . .

* Ingenieur/Architekt Buckminster Fuller benannte seine hyperleichten supersparsamen Bau-Konstruktionen »Dymaxion» — etwas zwischen »dynamistischem» Kraefteschwung und dem selbstverstaendlich immer ueberall erzielten »Maximum». Ein klassisches, von Buckminster Fuller herangezogenes Beispiel fuer »Dymaxion», ist das Fahrrad-Rad, in dem die Nabe immer an den Speichen in der oberen Haelfte des Rades haengt, waehrend die untere Haelfte der Speichen wenigstens verhindert, dass die filigrane Felge unter der Kraft plattgedruceckt wuerde. Superleichte »Seilkonstruktionen».

Diff-21-Adventskalender-Fenster 21/21 — Blog
20201221

Bild: Blog — Leuchttafel aus der Ausstellung »GlobalDesign» des Zuercher Museums fuer Gestaltung

Heut ist Wintersonnwende, kuerzester Tag des Jahres, der 21. Dez.2020, astronomischer Winterbeginn — obwohl beispielsweise fuer die Bienen der Winter jeweils sogar schon am 21. Juni beginne. Das hat letzte Woche jemand am Radio gesagt. — Und: Ungefaehr in der zweiten Haelfte Januar gebe es jeweils einen bis zwei schoene Tage, an denen die Winterbienen in ihrer Winternacht kurz aufwachen und rausfliegen, um Pipi zu machen. Die Winterbienen werden gegenueber den Sommerbienen, die nur einige Wochen leben, fast ein halbes Jahr alt — including Torpor. An diesen Januartagen fliegen sie eine Runde, verrichten ihr Geschaft und kehren wieder nach Hause in ihren warmen Schwarmkluengel, um weiterzuschlafen. Das weiss ich vom Imker, der seinen Stand am Helvetiaplatzmarkt hat.

(( In der Nacht: Schlaf — visionaeres Mysterium, Kreativ- und Reflexionsrtrip, Bewusstseinsschichtentransfer-Back-Up-Prozess, vielleicht ist Schlafen die Hauptsache des Lebens. Wir befinden uns da, wo die Nacht am tiefsten ist, allerdings wird sie erst im Moment des Sonnenaufgangs am kaeltesten, die Haerte wird uns in Raten geliefet. ))

Die Fast-Nacht beginnt immer am 11.11. — eigentlich ist sie auch Synonym fuer den Winter, in dem nicht mehr die Logik des Tages gilt, sondern eine andere der Nacht. — Mitten in die winterlange Fastnacht stellt sich Weihnacht, gefolgt von den Rauhnaechten. Heilige, stille Nacht, grosser »Familiensonntag», Fest der Liebe (im Moment, wo sie am dringendsten gebraucht wird) und des Innehaltens, — wenn auch dieses Jahr eher distanziert, hinter Masken, im Vorbeigehen, im Viedochat oder by Blog . . .

Im Insekten- oder Spinnenhaften World-Wide-Web, dem Rummel-, Markt-, Kirch-, Marimbaplatz des Global Village summen wir wie die Bienen im Schwarm von Ort zu Ort. Nachrichten gehen viral und kopieren sich tausendfach durch nichts als Strom und Strahlenschein. Wir morsen uns in Lichtgeschwindigkeit durch die Blogs und transformieren uns dabei von »Herdenschafen» zum riesigen Schwarmwesen ohne klare Grenzen. Die Schwaerme teilen sich auf, drehen sich durch Schlaufen und finden wieder zusammen, um sich ander aufzuteilen und weiterzuschwaermen.

Im Schwarm gibt es wie bei der Herde jene am Rand, und welche in der Mitte, aber die Dynamik spuelt jeden mal da und mal dort hin. Damit in der Kaelte keine Biene erfriert, bleibt der enge, warme Winterbienenkluengel immer in Bewegung. Nichts bleibt wie es ist, alles bleibt in Bewegung. Aber vielleicht wuerde es sich lohnen, wie die Bienen — doch noch ein bisschen staerker auf »Tanz»-Kommunikation zu setzen — um eine Sprache zu finden, die weniger Missverstaendnisse produziert . . .

Am »Tag der offenen Schuer» ( 31.10. ) war Vollmond, zu Beginn dieser 21-er Serie ( 1.12. ) der drauffolgende Vollmond, in der Nacht vom 21. auf den 22.12. Halbmond, und zudem die beliegte Saturn-Jupiter-Konjunktion. Ob das etwas heisst oder nicht: Wir reiten auf einer huebschen Welle, und hoffen, dass das Jahr 21 fuer alle neben den ueblichen erwartbaren Beschwerden genug Erfreuliches, Ermunterndes, bewegend Verbindendes bringen wird.

Happy 21
to all
!

(((
20201221: Dieser Adventskalender ist an seinem Ziel, — der Peak ist erreicht, die naechsten Tage sind stille Naechte. Heute 21.12. praesentieren wir um 19 Uhr unser Adventsfenster 21, Baumgartenstrasse 2 in Maegnwil. — Dieses ist Teil der Aktion »Maegenwiler Adventsfenster» des oertlichen Elternvereins, und quasi unser kleiner Einstand in die Dorfkultur des 2000 Seelen-Dorfs. Von 19 bis 22 Uhr ist unsere Wunderkammer offen. Wir erwarten spaerlichen Besuch und machen ein Feuer im hoffentlich gnaedigen Regen.
)))

 


Bilder und Texte, tobias strebel
Dezember 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schuercueltuer — Adventsfenster 21

Fenster 21 des Maegenwiler Adventskalenders
und 21 Bilder und Texte aus unserer Wunderkammer

Am Sonnwendetag, dem 21. Dezember von 19 bis 22 Uhr werden wir die Scheune an der Baumgartenstrasse 2 oeffnen (Je nach Corona-Konvention werden max. 5-10 Personen gleichzeitig unsere Raeume besichtigen koennen). — Wir machen ein Feuer vor dem Haus.

Ab dem 1. Advent wird hier jeden Tag ein Bild aus der alten Scheune mit einem kleinen Legendentext veroeffentlicht.
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Sandfoore — was ist das?

  1. Post — Oktober 2020 Situation
Im Plan sind das alte Maegenwiler Dorfzentrum, die Schule, die Gemeindeverwaltung, der Bahnhof SBB und das schon im 19.Jh eingemeindete (ehemalige) »Nacbardorf» Eckwil bezeichnet. Die Alte Bahnhofstrasse, die Anfang der siebziger Jahre durch die Industriestrasse zerschnitten wurde, soll in Zukunft durch eine Fussgaenger- und Fahrradbruecke »repariert» / wiederhergestellt werden — so wird der jetzt etwas umstaendliche Weg vom Dorf zum Bahhof wieder entspannt-elegant !

»Sandfoore» ist der Flurname des Maegenwiler Gebietes zwischen Schulanlage/Gemeindehaus und der Eisenbahnlinie.

Auf der noch weitgehend unbebauten Zone, die frueher am Ostrand der Bauerndorfes Maegenwil lag, und seit der Eingemeindung von Eckwil, dem Bahnbau und der Neugruendung von Schule und Gemeindeverwaltung am aktuellen Ort, eher im Zentrum des groesser definierten Dorfes liegt, werden seit gut zehn Jahren neue Gebaeude, ein Baumgartenpark — schlicht ein neues Quartier geplant, das sich in diese »offene Mitte» des Dorfes »hineinsetzt». Dass in der Mitte eines Dorfes geplant und gebaut werden kann, ist eine staedte- oder dorfplanerische Seltenheit.

Das ganze Projekt wurde durch die Masterplanung der Gemeinde, durch das Stadt- und Ortsplanungsbuero Van De Wetering & Partner in Zuerich gepraegt, dann durch den Wettbewerb, den die Genossenschaft Frohes Wohnen aus Zuerich mit dem Nachbar Hauswartsprofis und der Familie Strebel durchfuehrten. Dieser wurde gewonnen durch das Architeurbuero Oester Pfenninger Ulrich Weiz Architekten aus Zuerich.

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